Erdbeerjoghurt?

Ist noch Erdbeerjoghurt da?

Der Freitagnachmittag neigte sich dem Ende zu und Pastor Ulf Bode saß an seinem PC. Er seufzte und raufte sich durch seinen kurzen Igelhaarschnitt, sodass die schwarz-grauen Haare noch wilder abstanden. Naja, auch ein evangelischer Geistlicher von 54 Jahren nutzt heute die moderne Technik, wenn er überall auf der Suche nach Ideen für seine nächste Predigt ist.
Pastor Ulf hatte schon die einschlägigen christlichen Ratgeberseiten beider Konfessionen und Predigtsammlungen durch, aber er fand einfach nichts. Gerade war Erntedank vorbei, ein Sonntag, an dem noch relativ viele Menschen zum Gottesdienst kamen, und er hoffte auf ein genauso zahlreiches Erscheinen an diesem Wochenende. Aber eine gute Predigt schrieb sich nicht so leicht.
Sicher, wenn er erstmal eine Idee hatte, flossen die Worte nur so auf´s Papier bzw. in die elektronische Datei, aber ohne zündenden Gedanken war es eine Qual.
Er las eigentlich die ganze Woche über so viel er konnte: Tageszeitungen, weltliche und christliche Schriften, sah sich Interviews im Fernsehen an und hörte Evangeliumsrundfunk und Radio. Jede Meldung konnte ein Thema in ihm auslösen, aus dem er den Stoff für eine gute Sonntagspredigt nahm. Und die waren eigentlich sehr beliebt bei seinen Hörern.
„Wenn sie wüssten, wie viel Arbeit ich mit einer Predigt habe.“, sagte Ulf beim Abendbrot zu seiner Frau Gerda.
„Ach, du wirst schon etwas finden. Bis jetzt hast du doch noch immer einen guten Text zusammen bekommen. Kannst du nicht deine Bibelstellensammlung durchsehen? Die regt dich doch meistens an.“
Gerda räumte die Teller in die Spüle und ging ins Wohnzimmer hinüber. Sie wollte sich einen Rosamunde-Pilcher-Film ansehen und dabei etwas stricken.
„Ist noch Erdbeerjoghurt da?“, rief Pastor Ulf aus der Küche.
„Schau doch eben selbst im Kühlschrank nach, ja?“ Gerda hatte es sich schon in ihrem Ohrensessel gemütlich gemacht.
Ulf nahm sich einen Becher und einen Löffel, er brummte leise ein Gebet vor sich hin und ging zum Zeitungsständer. Mit den alten Zeitungen unterm Arm ging er wieder an seinen Schreibtisch. Schließlich stieß er auf einen Bericht in der „Bild“-Zeitung, der sein Interesse weckte:

Pilze

*1) BILD/ratgeber/gesund-fit/2010/03/12

Das war doch unglaublich. Er recherchierte noch etwas im Internet und fand weitere Meldungen über seinen Lieblingsjoghurt:

erdbeeren_verarbeitung

*2) Autor aid infodienst

„Das ist doch unerhört. Mein Gaumen wird durch ein Aroma getäuscht, das gar nichts mit der Erdbeere zu tun hat. Und dann wird auch noch behauptet, das wäre natürlich!“, dachte Ulf empört.
„Gerda, hast du du gewusst, dass in Erdbeerjoghurt fast keine Erdbeeren mehr
sind?“, rief er ins Wohnzimmer. Aber seine Frau scheuchte ihn mit einer eindeutigen Handbewegung wieder hinaus.
„Sch, sch, mein Film hat angefangen. Du bist doch bestimmt noch nicht fertig, oder, Ulli?“
Ach, ja, die Predigt. Deshalb hatte er sich ja an den PC gesetzt. Pastor Ulf schloss schnell wieder die Wohnzimmertür und ging in sein Arbeitszimmer zurück.
Er überlegte, „Schimmelpilze, Moment, da gab es doch auch eine Bibelstelle…“.
Seine vielen verschiedenen Bibeln lagen immer griffbereit auf einem Beistelltisch. Er schlug eine Ausgabe „Hoffnung für alle“ auf und fand auch schnell, was er gesucht hatte:
„Ich, der Herr, habe euer Getreide durch Dürre und Pilzbefall vernichtet; ich ließ eure Gärten und Weinberge vertrocknen, und die Heuschrecken fraßen eure Feigen- und Olivenbäume kahl. Und doch seid ihr nicht zu mir zurückgekommen!“ (Am 4,9)
Zufrieden klappte Pastor Ulf seine Bibel zu, die Bibelstelle hatte er schon notiert. Das war eine gute Stelle, um über die Umkehr zu Gott zu sprechen. Und die Geschichte mit dem Einsatz von Schimmelpilzen zur Erzeugung von Aromen würde er auch einbauen. Zwar hatte nicht Gott selbst den Pilz in die heutige Industrie geschickt, aber wie perfide war doch der Mensch geworden. Aus Profitgier, weil echte Erdbeeren eben teurer sind, verwenden die Lebensmittelfabrikanten nur noch angeblich „natürliche“ Geschmacksstoffe für ihre Produkte. Dem Käufer wird diese Natürlichkeit nur vorgegaukelt, dabei liegt der Fruchtgehalt selbst von „guten“ Joghurts bei maximal 1 Prozent, das entspricht ½ bis 1 Erdbeere pro 250g Becher Joghurt.
*3) „Die Joghurtlüge“ Marita Vollborn / Vlad D. Georgescu © 2006

Pastor Bode schrieb und schrieb. Nach 40 Minuten hatte er die Predigt für Sonntag fertig, er dankte Gott kurz in Gedanken und druckte sie aus. Dann ging er stolz damit ins Wohnzimmer hinüber, um sie Gerda vorzulesen.
Auf dem Bildschirm des Fernsehers lief der Abspann des Films, aber seine Frau
hatte ihn wohl doch nicht gesehen. Sie saß im Sessel, den Kopf auf der Brust,
das Strickzeug im Schoß und schnarchte laut.
Ulf musste lächeln, er liebte sie wie vor 28 Jahren, als er sie das erste Mal auf dem Gemeindefest gesehen hatte. Vorsichtig nahm er ihr die Strickarbeit ab und legte sie in den Korb zurück, dann rüttelte er sacht ihre Schulter.
„Komm, Gerda, gehen wir zu Bett. Unsere Arbeit für heute ist getan.“
Ob er jemals wieder Erdbeerjoghurt essen würde, wusste er noch nicht.

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